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Seit Gründung der St.Lioba Schule im Jahr 1929 ist das Ziel unseres pädagogischen Wirkens die Studierfähigkeit und Persönlichkeitsbildung junger Menschen in einer christlichen Werteorientierung.

Fotografieren verboten

Zeitzeuge und Fotografiker Siegfried Wittenburg sprach über seine Erfahrungen mit der Stasi

Eine besonders eindrucksvolle Geschichtsstunde erlebten die Schüler und Schülerinnen des nächsten Abiturjahrgangs am 16. Oktober, als Siegfried Wittenburg, Zeitzeuge und Fotografiker, über seine Erfahrungen mit der Staatssicherheit zu DDR-Zeiten sprach. Wittenburg besuchte die Sankt Lioba Schule auf Einladung der Geschichtslehrerin Dr. Brigitte Wavra bereits zum zweiten Mal. Ermöglicht wurde sein Vortrag durch die Hessische Landeszentrale für Politische Bildung, die in diesem Jahr Veranstaltungen anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls organisiert und finanziell unterstützt.

Wittenburg, der aus einem systemkritischen protestantischen Elternhaus stammt, ist in Warnemünde geboren und aufgewachsen. Er arbeitete in einem volkseigenen Betrieb in Rostock als Feinmechaniker und Ausbildungsleiter. Mit 15 Jahren entdeckte er für sich das Fotografieren, das er autodidaktisch vervollkommnete und das bald künstlerische Formen annahm. Er war Mitglied des Betriebsfotozirkels, dessen Aufgabe es eigentlich war, die Errungenschaften des Sozialismus zu dokumentieren. Dies tat Wittenburg auch, indem er mit seiner Kamera die Realität des „Arbeiter- und Bauernstaats“ ablichtete. Seine Fotos zeigen vor allem heruntergekommene Betriebe, die Trostlosigkeit der Plattenbausiedlungen, unvollendete Neubauten, lange Warteschlangen vor Geschäften, über denen mit Losungen die Fortschritte des Sozialismus gepriesen werden. Da ist es kein Wunder, dass er schon früh ins Visier der Stasi geriet; das Ausmaß der Überwachung und Bespitzelung wurde ihm aber erst nach Einsichtnahme in seine Akte bewusst.

Zehn inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit waren auf ihn angesetzt. Unter dem Decknamen „Erich Kästner“ schrieb die Nachbarin ihre Berichte, sie beklagte, dass seine Eltern stets Westfernsehen sähen und der junge Wittenburg, sobald er nach Hause komme, lautstark westliche Musik, wie die Rolling Stones, höre. Sein Meister im Betrieb, der der SED angehörte, bescheinigte ihm mangelndes sozialistisches Bewusstsein und einen unzuverlässigen Klassenstandpunkt einzunehmen. Dies erfolgte, nachdem Wittenburg die Bemühungen des Meisters, ihn zum Eintritt in die SED zu gewinnen, abgelehnt hatte. Auch der Gewerkschaftsvertrauensmann, zu dem er ein gutes kollegiales Verhältnis hatte, gehörte zu den Informanten. Besonders schmerzlich war die Entdeckung, dass selbst ein sehr enger Freund der Familie sich für Spitzeldienste hatte einspannen lassen. Wittenburg stellte ihn Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten zur Rede und erfuhr, dass er gezwungenermaßen handeln musste, da ihm vonseiten der Stasi gedroht worden war, ansonsten Hand an seine Tochter zu legen.

Ungemein beeindruckt und sehr betroffen vom Ausmaß der Bespitzelung verfolgten die Schüler und Schülerinnen die Erzählungen Wittenburgs, denen seine Fotos und eingefügte Zitate aus seiner Akte Lebendigkeit und Authentizität verliehen. Wittenburg versäumte es nicht, Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, und warnte die Jugendlichen vor einem allzu offenen und nachlässigen Umgang mit persönlichen Daten in den digitalen Medien. Einer Überwachung des Einzelnen, die alle Methoden der Stasi in den Schatten stelle, sei heute Tor und Tür geöffnet, wie man zum Beispiel in China sehe. So sei es sehr wichtig, dass unsere Demokratie, die für die Freiheitsrechte des Individuums Sorge trage, auch vom Freiheitswillen der Bürgerinnen und Bürger gestützt werde.

Text: Dr. Brigitte Wavra


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