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Seit Gründung der St.Lioba Schule im Jahr 1929 ist das Ziel unseres pädagogischen Wirkens die Studierfähigkeit und Persönlichkeits-bildung junger Menschen in einer christlichen Werteorientierung.

Musik mit lyrischer Strahlkraft

Karlheinz Böhm (Bariton) und Frank Kleinschmidt (Klavier) brillierten mit Schuberts „Winterreise“ in der St. Lioba-Schule

pp_hau_winter1Bad Nauheim (hau). Die Glücksgefühle, die Skifahrer oder Wanderer heute an eine Winterreise knüpfen, waren den Menschen im eisigen Europa vor zweihundert Jahren gänzlich unbekannt. Bei Beschwerlichkeiten und Gefahren einer solchen Reise blieb es nicht. Auch die restriktive postrevolutionäre Politik schürte ein Gefühl der Trostlosigkeit und einer im Keim erstickten, von jeglicher Illusion befreiten Aufbruchstimmung.
Gesellschaftskritische Schriftsteller unterliefen die Repressalien staatlicher Zensur zu Zeiten der Restauration, indem sie ihr Erleben von Einsamkeit und Erstarrung in romantisch anmutende (Liebes-)Lyrik verpackten. Der Wanderer geriet zum zentralen Bild für all jene, die sich gegen Enttäuschung aufbäumten, deren Scheitern sich aber zu Hoffnungslosigkeit und Todessehnsucht auswuchs. Auch der deutsche Dichter Wilhelm Müller (1794-1827) brachte seine Gesellschaftskritik in vielen seiner Werke unter. Von Müllers Gedichten unmittelbar berührt, vertonte sein durch Krankheit, Armut und enttäuschte Liebe gezeichneter Zeitgenosse Franz Schubert (1797-1828) kurz vor seinem Tod zwei Dutzend von Müllers Gedichten über „einen reisenden Waldhornisten“ als Liederzyklus. Bis heute gilt Schuberts „Winterreise“ unter Solisten von Rang und Namen als „Sängertraum“.

Vor wenigen Tagen erfüllte sich der ausgebildete Bariton Karlheinz Böhm seinen lang gehegten Traum. Gemeinsam mit dem Pianisten Frank Kleinschmidt begeisterte der Musikpädagoge am St.-Lioba-Gymnasium Bad Nauheim das Auditorium im Musiksaal der Schule. Nach gemeinsamen Jahren an der Liebig-Europaschule in Frankfurt musizieren die beiden ehemaligen Kollegen bis heute zusammen und scheuen auch keine Herausforderung. So hatten sie für die „Winterreise“ die Urfassung mit ihrem schwierigen Tonhöhenumfang gewählt. Umso größer wurde damit die Amplitude der musikalischen Aussage- und Strahlkraft. Ihr zeigte sich Bariton Böhm bravourös gewachsen, sodass nicht zuletzt die andächtig lauschenden Mitglieder des Böhmschen Lehrerchores und der Musikgrundkurs aus der Jahrgangsstufe 13 große Ohren machten.
   Dass es neben dem Pianisten, Pauker, Chor- und Orchesterleiter auch den brillanten Bariton Böhm gibt, hatten die Schüler zuletzt beim Schumann-Abend vor drei Jahren erlebt. Diesmal hatte der gesamte Kurs sich im Rahmen eines mehrwöchigen Unterrichtsprojektes nicht nur mit Schuberts Musik in verschiedenen Fassungen befasst, sondern sich auch um die komplette Konzertvorbereitung und -durchführung gekümmert: Von der Plakat- und Liedheftgestaltung über musiktheoretische und historische Recherche bis hin zur Vorbereitung des Saales mit Sektausschank in der Pause. Im Gespräch mit den Künstlern stellte sich heraus, dass es auch für Kleinschmidt neben Jazz, Rock, Pop und Bigbandsound eine besondere Leidenschaft für klassische Werte und Traditionen in der Musik gibt, erst recht in Zeiten voranschreitender multimedialer Verflachung. Gerne zeigten Pianist und Bariton Flagge für musikalische Vielfalt und Tiefe.
   Weit über eine bloße Vertonung heraus, schuf Schubert mit seiner „Winterreise“ eine Interpretation der lyrischen Vorlage. Dem Streben nach Verdichtung des Empfindungsausdrucks folgend, spiegeln seine Lieder mit ihrer üppig wuchernden Fülle von wechselnden Bildern und Gedanken das lyrische „Ich“. Schuberts schöpferische Kraft scheint sich im freien Fortströmen der Melodien, in Dynamik und der Expressivität von Dur und Moll zu entladen. So werden geheimnisvolle Schattierungen zwischen Hell und Dunkel aufgespürt und Stimmungsbilder gemalt zwischen Sehnsucht, Enttäuschung, kurz aufflackerndem bangem Hoffen, Erstarrung und unausweichlichem Tod. Die metaphernreiche lyrische Sprache (Eis, gefrorene Tränen, Krähen, Irrlichter, Nebensonnen, weißer Reif im Haar, Leierkastenmann) intensiviert der Komponist auf der Schwelle zwischen Klassik und Romantik um ein Vielfaches. Eine beeindruckende Synthese, der sich der Zuhörer bei entsprechender musikalischer Qualität nicht entziehen kann.
   Begeisterter Applaus galt dem vorzüglich eingespielten Duo Böhm/Kleinschmidt mit packender Präzision, Harmonie und Dynamik. Des Sängers mal warm und mal energisch strahlendes Timbre wirkte trotz großer Ausdrucksbreite bei kräftiger Stimmgebung nie aufdringlich, geforderte Schlankheit nie zu zaghaft. Den ebenso anspruchsvollen wie weitgehend unabhängigen Klavierpart meisterte der Pianist virtuos und einfühlsam. Brillant arbeitete das Duo die Feinheiten heraus, die die spannende Verschmelzung von literarischer Romantik und musikalischer Ästhetik verlangt. Unter dem wenige Stunden jungen Eindruck der hessischen Schulleiterzusammenkunft in Höchst verband St.-Lioba-Schulleiter Dr. Tobias Angert seinen Dank an Künstler und Musikschüler mit der Überzeugung, dass dieses zukunftsweisende Projekt einmal mehr die an dem bischöflichen Gymnasium längst praktizierte Eigenverantwortlichkeit eindrucksvoll unter Beweis stelle.


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